Dollenchen: „Vom Ackergaul zum Drahtesel“


Das Wandbild „Vom Ackergaul zum Drahtesel“ erzählt vom lebendigen Dorfleben in Dollenchen. Es verbindet die Sage von der Ortsgründung mit slawischen Bräuchen wie Stollenreiten und Zempern, der wasserreichen Landschaft, Kirche und Marktrecht. Humorvolle Geschichten über Tanzfeste, Gasthäuser, Pferde, Kähne und Fahrräder zeigen den Wandel des Ortes und erinnern an seine ausgeprägte Fest-, Musik- und Gemeinschaftskultur.

Dolles Hähnchen

Dollenchen war schon immer ein sehr rühriger Ort, mit zwei Gasthäusern, in denen zum Tanz
aufgespielt wurde, Chorumzügen bei denen dutzende Chöre durch das Dorf zogen und vor allem dem Marktrecht, welches nicht oft an ein Dorf verliehen wurde.

Schon die ersten Siedler fanden ihr Heim durch eine kuriose Geschichte. Der damalige Grundherr „Ritter von Wormlitz“ verlor seinen Lieblingshahn. Darum schickte er seinen Knecht, den Hahn zu suchen. Dieser wurde an der Stelle des heutigen Dollenchens fündig und sein Herr belohnte ihn, indem sich der Knecht am Fundort niederlassen durfte. So entstand die erste Siedlung Dollenchen: „Dolles Hähnchen“.

Slawische Bräuche

Als Siedlungsgebiet der Lusicer wurde in Dollenchen bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts der Gottesdienst noch auf slawisch abgehalten und viele westslawische Bräuche gelebt. Das Stollenreiten war einer davon.

Dieser Brauch wurde noch vor wenigen Jahren in Dollenchen zelebriert. Nachdem die Felder abgeerntet waren, fand auf den Stoppelfeldern ein alljährliches Wettreiten mit den „Ackergäulen“ statt. Dem Sieger stand ein Eichenlaubkranz zu, während das letzte Pferd einen Haferkranz bekam, um beim nächsten Ritt etwas kräftiger und erfolgreicher zu sein. In einem Jahr jagte man sogar Kamele übers Feld.

Das Zempern hält sich als Tradition bis heute. Die rüstigen Dorfbewohner ziehen in den
ersten Monaten des Jahres verkleidet und mit einer Kapelle von Haus zu Haus, um die bösen Geister zu vertreiben. In den Stuben werden sie verköstigt, trinken das ein oder andere Glas und tanzen mit den zu Hause gebliebenen. Zum Abschied werden ihnen Eier und Speck mit auf den Weg gegeben.

Am Ende des Tages werden die gesammelten Eier in großen Pfannen im Gasthaus zu Rührei verarbeitet und es findet beim Tanz das Eieressen statt.

Einst verkleidete sich ein Zempernder als Sträfling. Er trug den gestreiften Häftlingsanzug und eine eiserne Kugel am Bein. Als er die meisten Stübchen passiert und damit auch einiges getrunken hatte, geriet seine Beinfessel außer Kontrolle und zog ihn in den Mühlenbach. Unter großem Gelächter retteten ihn seine Begleiter. Doch es brauchte einige von ihnen!

Die Kirche

Die erste Kirche Dollenchens war eine kleine Stabkirche. Optisch, mit einem Fachwerkbau zu vergleichen. Der Bürgermeister wollte den Bau an einer anderen Stelle im Dorf errichten lassen und so ordnete er den Transport des Bauwerks an. Das Ziel markierte seine Jacke.

Da kam ein Bursche vorbei und schnappte sich die Jacke. Die Helfer meinten sie hätten ihre Tat vollbracht und die Kirche stehe bereits über dem Kleidungsstück. Später wurde das Objekt mit der heutigen Feldsteinkirche umbaut.

Das Wasser

Dollenchen war einst ein von sehr viel Wasser geprägtes Dorf, ähnlich dem heutigen Spreewald. Hauptsächlich gespeist durch die Quellen in Sallgast, durchzogen Wassergräben den Ort, sodass Transporte meist mit dem Kahn stattfanden. So gab es zwei Mühlen und einen Mühlenteich. Die Fischerei war damals ein florierendes Geschäft und am Mühlengraben wusch man die Wäsche.

Auf den Wäschewiesen lagen die weißen Tücher mit den gestickten Initialen der Besitzerinnen in der Sonne. Die Stickereien wurden von den werdenden Bräuten in dem Jahr der Verlobung ausgeführt, um die gemischte Wäsche nach dem Bleichen in die richtigen Haushalte zurückführen zu können.

Gefeiert wurde zur wasserreichen Zeit auf einer kleinen Insel. Die Kinder des Dorfes hatten die Aufgabe, die Erwachsenen mit dem Kahn überzusetzen. Mit der Felderentwässerung und dem Bergbau versiegte das Wasser und dessen Nutzung.

Der Markt

Auf dem Dorfplatz fand regelmäßig ein großer Markt statt. Verreihig waren die Stände angeordnet und dazu kam noch der Viehmarkt.

Zum Kindertag erweiterte sich der Jahrmarkt um Karusselle, Zuckerwattestände und Ähnliches. Das Kinderfest wurde in der gesamten Umgebung viel stärker zelebriert als heute: ein jeder war in den ärmeren Zeiten für das Überleben seines Nachwuchses und somit seiner eigenen Absicherung von Dankbarkeit erfüllt.

Tanzgeschichten

Durch die vielen Chöre lebte die Musik in Dollenchen und die Tanzveranstaltungen, von denen es manchmal sogar zwei gleichzeitig gab. Berühmt war der „Tschiebchenball“, eine Nachmittagsdisco, zu welcher die sogenannten „Synthesebusse“ (Insassen waren die Arbeiterinnen des Synthesewerks) fuhren. Nach der Arbeitsschicht stieg man in
Dollenchen 16 Uhr zum Tanz aus, um mit dem letzten Bus wieder Heim zu fahren.

Es gibt viele Episoden, die sich im Gasthofgetümmel zutrugen: Pferde in der Schankstube, angesägte Tischbeine und die üblichen Schlägereien zwischen rivalisierenden Dörfern, wenn mal wieder das falsche Mädchen zum Tanz aufgefordert wurde.

Der Stellmacher, ein begnadeter Paukenspieler, hatte ein großes Repertoire an Liedgut zu bieten. Zu fortgeschrittener Stunde wollte er ein bestimmtes Stück zum Besten geben. Sein Mitspieler – ebenfalls Pauker – konnte oder wollte ihn jedoch nicht begleiten. Darüber wurde der Stellmacher so verrückt, dass er seinem Kumpanen das Instrument auf den Kopf schlug.

Einst wartete man in den 60ger Jahren vergeblich im Gasthaus „Stuckatz“ auf die Discothek. Die Schankstube füllte sich, der Saal blieb jedoch verschlossen. Der Andrang verstärkte sich, bis sogar der Tresen ins Rutschen kam. Da wurde es dem alten Stuckatz zu bunt, inspiriert von den Westberliner Nachrichten, packte er den Wasserschlauch und spülte die Meute aus dem Lokal.

Mit dem Fahrrad machten sich in den 70ger Jahren drei junge Damen auf den Weg zum Klettwitzer Tanz. Es dämmerte schon und eine von ihnen hatte kein Licht am Rad. Dies bemerkte ein Volkspolizist und sprang aus einem Busch auf die Straße. Die Mädels kollidierten und stürzten. Die damals so kostspieligen Strumpfhosen waren dahin, die Knie bluteten, doch am
größten war die Angst vor den Eltern, wenn der Strafzettel eintreffen würde.

Wochenlang bangten die jungen Frauen, bis eines Tages durch Zufall bekannt wurde, dass der Verursacher des Unfalls sich bei dem Sprung einen Bänderriss zuzog und wochenlang das Krankenhausbett hüten musste.